Nie zuvor hatte Deutschland so viele berufstätige Ärztinnen und Ärzte. Trotzdem gehören unbesetzte Stellen, offene Dienste und kurzfristige Personalengpässe in vielen Krankenhäusern zum Alltag. Auf den ersten Blick passt das nicht zusammen.
Ende 2025 waren nach Angaben der Bundesärztekammer rund 446.000 Ärztinnen und Ärzte berufstätig, zwei Prozent mehr als im Vorjahr. Auch international steht Deutschland bei der Ärztedichte vergleichsweise gut da. Nach Zahlen der OECD kommen hierzulande 4,7 praktizierende Ärztinnen und Ärzte auf 1.000 Einwohner, wohingegen der OECD-Durchschnitt bei 3,9 liegt.
Warum fehlt dann trotzdem ärztliches Personal in den Kliniken?
Mit dieser Frage beschäftigt sich auch der im August 2026 erschienene Beitrag „Die ärztliche Tätigkeit im Krankenhaus in der Zukunft“ im Deutschen Ärzteblatt.
Die Autorinnen und Autoren machen darin deutlich, dass sich der Personalmangel im Krankenhaus nicht allein mit einer zu geringen Zahl an Ärztinnen und Ärzten erklären lässt. Veränderte Arbeitszeitmodelle, komplexe Dokumentationspflichten und die Strukturen unseres Gesundheitssystems führen dazu, dass vorhandene ärztliche Ressourcen nicht im gleichen Maße für die unmittelbare Patientenversorgung zur Verfügung stehen.
Ein Blick auf die Zahlen zeigt, was damit gemeint ist.
Mehr Ärzte bedeuten nicht automatisch mehr Zeit für die Patientenversorgung
Die reine Zahl der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte erzählt nur einen Teil der Geschichte. Entscheidend ist auch, wie viel Arbeitszeit tatsächlich zur Verfügung steht und wie viel davon unmittelbar in der Patientenversorgung ankommt.
Gleichzeitig veränderten sich die Arbeitszeitmodelle deutlich. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes arbeiteten 2014 rund 15 Prozent der Ärztinnen und Ärzte in Teilzeit. Zehn Jahre später waren es bereits 28 Prozent.
Besonders gut lässt sich die Entwicklung an den Krankenhäusern in Nordrhein-Westfalen beobachten. 2023 waren dort von gut 48.000 Ärztinnen und Ärzten rund 14.200 teilzeitbeschäftigt, eine Quote von 29,6 Prozent. Zehn Jahre zuvor waren es noch 20 Prozent.
Dabei betrifft diese Entwicklung längst nicht nur Ärztinnen. Auch bei Ärzten hat Teilzeit deutlich an Bedeutung gewonnen. Der Anteil teilzeitbeschäftigter Männer in den Krankenhäusern Nordrhein-Westfalens stieg zwischen 2013 und 2023 von 9,3 auf 19,6 Prozent.
Die Vereinbarkeit von Familie, Privatleben und Beruf spielt damit auch im Krankenhaus eine immer größere Rolle. Flexible und lebensphasenorientierte Arbeitsmodelle können dazu beitragen, dass sich Ärztinnen und Ärzte häufiger dafür entscheiden, langfristig in der Patientenversorgung zu bleiben. Allerdings steckt hinter einer Reduzierung der Arbeitszeit nicht immer nur der Wunsch nach mehr Freizeit.
Eine aktuelle Befragung des Hartmannbundes unter 741 Krankenhausärztinnen und Krankenhausärzten zeigt ein anderes Problem. Rund ein Drittel der Befragten arbeitete formal in Teilzeit. Gleichzeitig gaben 91 Prozent aller Befragten an, regelmäßig mehr als 40 Stunden pro Woche zu arbeiten. Fast die Hälfte berichtete sogar von mehr als 55 Stunden.
Der Hartmannbund kommt deshalb zu dem Schluss, dass die Reduzierung der Arbeitszeit in vielen Fällen auch eine Reaktion auf eine dauerhaft hohe Belastung ist.
Für Krankenhäuser ergibt sich daraus eine Herausforderung: Die Zahl der beschäftigten Ärztinnen und Ärzte ist nicht gleichbedeutend mit der Zahl verfügbarer Vollzeitkräfte und beides sagt noch nichts darüber aus, wie viel Zeit am Ende tatsächlich für Patientinnen und Patienten bleibt.
Damit wird die Frage „Wie viele Ärzte haben wir?“ zunehmend zu kurz gegriffen. Relevanter ist: Wie viel ärztliche Zeit steht wann, wo und mit welcher fachlichen Qualifikation tatsächlich für die Patientenversorgung zur Verfügung?

Auch der internationale Vergleich ist interessant.
Deutschland verfügt nicht nur über eine vergleichsweise hohe Ärztedichte. Laut OECD gibt es hierzulande auch 7,7 Krankenhausbetten je 1.000 Einwohner. Der OECD-Durchschnitt liegt mit 4,2 deutlich darunter.
Gleichzeitig gehört Deutschland zu den Ländern mit den höchsten Gesundheitsausgaben und trotzdem erleben wir Personalengpässe.
Der Beitrag im Deutschen Ärzteblatt sieht einen Teil der Ursache in den bestehenden Versorgungsstrukturen. Ärztliche und pflegerische Ressourcen verteilen sich auf viele Krankenhäuser, Abteilungen und Behandlungsfälle.
Auch der Sachverständigenrat Gesundheit & Pflege beschäftigt sich intensiv mit dieser Frage. In seinem Gutachten zu den Fachkräften im Gesundheitswesen bezeichnet er Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte und Medizinische Fachangestellte als knappe Ressource, obwohl die Beschäftigtenzahlen in diesen Berufsgruppen in den vergangenen Jahren gestiegen sind.
Die Herausforderung liegt also nicht ausschließlich darin, zusätzliches Personal zu gewinnen. Wir müssen uns auch fragen, wie wir vorhandenes Personal einsetzen.
Dokumentation bindet einen erheblichen Teil der ärztlichen Arbeitszeit
Ein Thema taucht dabei regelmäßig auf: Dokumentation und Administration. Im MB-Monitor 2024 des Marburger Bundes berichten die befragten Ärztinnen und Ärzte von durchschnittlich 2,8 Stunden pro Arbeitstag, die für Verwaltung und Organisation anfallen, die über die eigentliche ärztliche Tätigkeit hinausgehen.
Bei einer Befragung von mehr als 2.000 Oberärztinnen und Oberärzten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz fiel das Ergebnis noch deutlicher aus. Dort wurden durchschnittlich mehr als fünfeinhalb Stunden pro Tag für bürokratische Tätigkeiten angegeben.
Natürlich gehört Dokumentation zur Medizin. Behandlungen müssen nachvollziehbar sein, Qualität muss gesichert werden und auch rechtliche Anforderungen müssen erfüllt werden.
Trotzdem stellt sich die Frage, ob wirklich jede dieser Aufgaben ärztlich erledigt werden muss. Wenn ein Facharzt einen großen Teil seines Arbeitstages mit Dokumentation, Organisation oder mehrfacher Datenerfassung verbringt, steht diese Zeit nicht für Diagnostik, Behandlung, Weiterbildung oder Gespräche mit Patientinnen und Patienten zur Verfügung. Mehr Ärzte auf dem Papier lösen dieses Problem nicht automatisch.
Hohe Belastung kann das Problem zusätzlich verschärfen
Der MB-Monitor 2024 zeigt auch, wie angespannt die Situation für viele Beschäftigte ist.
- 9.649 angestellte Ärztinnen und Ärzte nahmen an der Befragung teil.
- 59 Prozent bewerteten die ärztliche Personalbesetzung ihrer Einrichtung als eher schlecht oder schlecht.
- 49 Prozent fühlten sich häufig überlastet. Weitere elf Prozent gaben an, ständig über ihre Grenzen zu gehen. Weitere 28 Prozent der Befragten erwogen, ihre ärztliche Tätigkeit in der Patientenversorgung vollständig aufzugeben. Das ist besonders kritisch, weil sich daraus schnell ein Kreislauf entwickeln kann.
Fehlendes Personal erhöht die Belastung der vorhandenen Kolleginnen und Kollegen. Eine dauerhaft hohe Belastung wiederum kann dazu führen, dass Beschäftigte ihre Arbeitszeit reduzieren, den Arbeitgeber wechseln oder die unmittelbare Patientenversorgung ganz verlassen.
Damit verstärkt ein Personalengpass möglicherweise den nächsten.
Auch der Ärzteblatt-Beitrag greift diesen Zusammenhang auf. Eine zentrale Forderung lautet deshalb, den Arztberuf wieder stärker auf das auszurichten, worum es eigentlich gehen sollte: die medizinische Versorgung von Patientinnen und Patienten.
Gleichzeitig altert die Ärzteschaft
Hinzu kommt die demografische Entwicklung. Fast ein Viertel der berufstätigen Ärzteschaft in Deutschland hat inzwischen das 60. Lebensjahr erreicht. Ende 2025 waren mehr als 43.000 berufstätige Ärztinnen und Ärzte älter als 65 Jahre, weitere rund 61.000 zwischen 60 und 65 Jahre alt. In den kommenden Jahren wird deshalb ein erheblicher Teil der Ärzteschaft seine Arbeitszeit reduzieren oder aus dem Berufsleben ausscheiden.
Auf der anderen Seite wird aber auch die Bevölkerung älter. Damit steigt gerade in Bereichen wie der Inneren Medizin, Geriatrie oder Kardiologie der Versorgungsbedarf. Ältere Patientinnen und Patienten haben häufiger mehrere Erkrankungen gleichzeitig und benötigen entsprechend komplexere Behandlungen.
Weniger verfügbare Fachkräfte treffen damit auf einen steigenden und teilweise komplexeren Versorgungsbedarf. Diese Entwicklung lässt sich nicht kurzfristig lösen.
Was wir als Ärztevermittlung im Alltag erleben
Für uns als Facharztagentur sind diese Entwicklungen nicht nur Zahlen aus Studien. Wir erleben die Auswirkungen täglich in unserer Arbeit.
Kliniken wenden sich aus unterschiedlichsten Gründen an uns. Ein Facharzt fällt krankheitsbedingt aus. Eine Kollegin oder ein Kollege geht in Elternzeit. Eine offene Stelle kann über einen längeren Zeitraum nicht besetzt werden. Dienste sind nicht abgedeckt oder für einen bestimmten Zeitraum fehlt eine spezielle Qualifikation.
Unsere Kollegin Ina Foullois arbeitet seit vielen Jahren in der Betreuung und Vermittlung von Ärztinnen und Ärzten. Ihren Arbeitsalltag beschreibt sie mit einem einfachen Satz:
„Eine Routine kommt im Alltag nie auf.“
Besonders häufig erreichen uns unter anderem Anfragen aus der Anästhesie, der Inneren Medizin mit Qualifikationen wie Geriatrie oder Kardiologie sowie aus der Psychiatrie.
Manche Bedarfe sind langfristig bekannt und andere entstehen sehr kurzfristig. Dann müssen innerhalb kurzer Zeit viele Dinge zusammenpassen: Die fachliche Qualifikation muss stimmen. Der Arzt oder die Ärztin muss verfügbar sein. Unterlagen müssen geprüft, Verträge vorbereitet und gegebenenfalls auch eine Unterkunft organisiert werden.
Teilweise starten Einsätze innerhalb weniger Tage, in besonderen Fällen sogar innerhalb weniger Stunden. Genau hier zeigt sich eine weitere Seite des Ärztemangels:
Eine Klinik kann grundsätzlich ausreichend Planstellen haben und trotzdem morgen einen Facharzt benötigen.
Personalbedarf entsteht nicht nur in Stellenplänen. Er entsteht ganz konkret im Dienstplan.
Welche Rolle können temporär eingesetzte Fachärzte spielen?
- Ein temporär eingesetzter Facharzt kann die Bedingungen der Krankenhausreform nicht verändern. Auch komplexe Dokumentationspflichten, regionale Unterschiede oder dauerhaft unbesetzte Stellen verschwinden dadurch nicht.
- Temporäre ärztliche Einsätze können aber helfen, die Zeit zu überbrücken, bis eine langfristige Lösung gefunden ist.
- Wenn ein Facharzt kurzfristig ausfällt, muss die Station trotzdem weiterarbeiten.
- Wenn eine Oberarztstelle sechs Monate nicht besetzt werden kann, muss die Patientenversorgung in diesen sechs Monaten trotzdem sichergestellt werden.
- Und wenn mehrere Beschäftigte gleichzeitig durch Urlaub, Krankheit oder Elternzeit fehlen, können die verbleibenden Kolleginnen und Kollegen die zusätzlichen Dienste nicht unbegrenzt auffangen.
Hier können flexible Personallösungen entlasten. Genau aus diesem Gedanken entstand vor inzwischen 25 Jahren auch die Facharztagentur.
Unser Gründer Dr. Jochen Jouaux hatte während seiner ärztlichen Tätigkeit in England erlebt, wie Ärztinnen und Ärzte zeitlich begrenzt in Kliniken eingesetzt wurden, um Vakanzen und kurzfristige Engpässe zu überbrücken. Aus dieser Erfahrung entstand im Jahr 2001 die Idee einer spezialisierten Ärztevermittlung in Deutschland.
Seitdem haben sich die rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen erheblich verändert. Der Begriff Honorararzt wird zwar weiterhin häufig verwendet, temporäre Tätigkeiten im Krankenhaus müssen heute jedoch über entsprechende rechtssichere Beschäftigungsmodelle (Arbeitnehmerüberlassung oder befristeter Anstellung) organisiert werden.
An der grundsätzlichen Aufgabe hat sich jedoch wenig geändert: Temporäre Ärztevermittlung kann keine strukturellen Probleme lösen. Sie kann aber dabei helfen, konkrete Versorgungslücken zu schließen.
Wie sieht der Arztberuf der Zukunft aus?
Der Artikel im Deutschen Ärzteblatt bleibt nicht bei der Analyse stehen. Die Autorinnen und Autoren nennen verschiedene Bereiche, in denen sich etwas verändern muss. Dazu gehören unter anderem eine bessere Personalplanung, neue Aufgabenverteilungen zwischen den Berufsgruppen, weniger administrative Belastung, Digitalisierung und veränderte Versorgungsstrukturen.
Auch aus unserer Sicht sind dabei einige Fragen besonders wichtig.
- Ist es tatsächlich sinnvoll, dass ein Facharzt administrative Aufgaben übernimmt, die auch anders organisiert werden könnten?
- Wie können Prozesse weiter digitalisiert und Dokumentationsaufwände reduziert werden?
- Welche Leistungen können künftig ambulant statt stationär erbracht werden?
- Welche Rahmenbedingungen benötigen die an der Patientenversorgung beteiligten Berufsgruppen, damit eine zielgerichtete interdisziplinäre Versorgung gelingen kann?
- Und wie müssen Arbeitsbedingungen im Krankenhaus aussehen, damit sich Ärztinnen und Ärzte auch langfristig für die Arbeit in der Patientenversorgung entscheiden?
Denn eines ist klar: Deutschland wird auch künftig gut ausgebildete Ärztinnen und Ärzte brauchen.
Wir müssen medizinischen Nachwuchs gewinnen, internationale Fachkräfte integrieren und gleichzeitig dafür sorgen, dass erfahrene Medizinerinnen und Mediziner möglichst lange in der deutschen Patientenversorgung tätig bleiben.
Wir sollten aber nicht nur darüber sprechen, wie viele Ärzte wir benötigen, sondern auch darüber, wie wir die vorhandene ärztliche Arbeitszeit sinnvoll einsetzen.
Unser Fazit
Deutschland hat im internationalen Vergleich viele Ärztinnen und Ärzte und trotzdem gibt es in zahlreichen Krankenhäusern erhebliche Personalengpässe. Das muss kein Widerspruch sein, wenn man genauer hinschaut.
Arbeitszeitmodelle verändern sich. Ein erheblicher Teil der ärztlichen Arbeitszeit wird durch Dokumentation und Organisation gebunden. Fachkräfte sind regional und fachlich unterschiedlich verteilt. Gleichzeitig altert die Ärzteschaft und auch der medizinische Versorgungsbedarf verändert sich.
Entscheidend ist, wie viel ärztliche Zeit wann, wo und mit welcher Qualifikation tatsächlich für die Patientenversorgung zur Verfügung steht.
Um diese Zeit bestmöglich zu nutzen, braucht es verschiedene Ansätze: gute Arbeitsbedingungen, flexible Arbeitszeitmodelle, weniger unnötigen Dokumentationsaufwand, mehr Digitalisierung, sinnvolle Versorgungsstrukturen und eine langfristige Personalstrategie.
Und dort, wo trotzdem kurzfristig eine Lücke entsteht, kann eine professionelle Ärztevermittlung dabei helfen, diese Zeit zu überbrücken.
Denn am Ende entscheidet nicht die Zahl in einer Statistik darüber, ob eine Klinik gut versorgt ist. Entscheidend ist, ob der passende Facharzt verfügbar ist, wenn er gebraucht wird.
Quellen:
- Deutsches Ärzteblatt, „Die ärztliche Tätigkeit im Krankenhaus in der Zukunft“, 21.08.2026
- Bundesärztekammer, Ärztestatistik 2025, veröffentlicht 2026
- Statistisches Bundesamt (Destatis), Teilzeit und Arbeitszeit von Ärztinnen und Ärzten, 24.02.2026
- Ärztekammer Nordrhein, „Mehr Ärzte arbeiten Teilzeit“, 25.11.2024
- Hartmannbund, „Ärztliche Arbeitszeit im Krankenhaus neu denken“, 28.01.2026
- Marburger Bund, MB-Monitor 2024, veröffentlicht 06.02.2025
- Marburger Bund NRW/RLP, Bürokratiebelastung von Oberärztinnen und Oberärzten, 30.09.2024
- Sachverständigenrat Gesundheit & Pflege, Gutachten „Fachkräfte im Gesundheitswesen“, 25.04.2024
- OECD, Health at a Glance 2025: Germany, 13.11.2025




